Ankunft bei Aufbruch

Sebastian Hesse | Christian Reister | Andreas Rost | Katrin Ströbel

14. November 2008

Grüsse aus Kabul VII

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 19:33

Keine Entführung, keine Bombe, auch nicht der von E. Jünger so gerühmte “saubere Schuß in den Hinterkopf”. Alles war friedlich, so friedlich eben, wie es in Kabul sein kann. Ich glaube, ich hatte nicht nur Glück, vor Ort sieht es immer ein wenig anders aus, als in den Nachrichten.

An meinem letzten freien Vormittag konnte ich den Fahrer des Hotels bekommen. Wir sind einfach durch die Gegend gefahren. Ich bin immer mal wieder ausgestiegen und habe fotografiert. Das ist doch das schönste, einfach Bilder jagen gehen. Als moderner Künstler habe ich natürlich ein schlechtes Gewissen, so ohne Konzept und theoretischen Überbau, einfach planlos rum zu knipsen. Anderseits was gibt es schöneres als sich von der Wirklichkeit überraschen zu lassen, mal alle Meinungen beiseite schieben und staunen.

Ihr steht jetzt kurz vor der Eröffnung, seit sicher schon aufgeregt und ich muß noch vier Stunden auf meinen Flug warten. Zeit die letzten Bilder zu sortieren und während ich gegen den Schlaf kämpfe mich darüber zu wundern, wo ich gerade gewesen bin. Kommt mir schon wieder alles so unwirklich vor. Gut, das ich fotografiert habe, sonst würde ich nicht glauben, dort gewesen zu sein.

Freitag ist ja so was wie unser Sonntag. Die Menschen sind freundlich und der nächtliche Regen hat auch die Luft gesäubert.

Der hübsche kleine Kanal in der Mitte des Weges riecht gar fürchterlich und ist häufig verstopft. Atemschutz für Europäer sehr zu empfehlen.

Kinder gehen Wasser holen. Sieht nett aus, da sie das aber immer tun müssen, und dazu noch einiges andere mehr, können sie nicht zur Schule gehen.

Obwohl Freitag ist, die Geschäfte stehen niemals still.

 

 

Mein letztes Bild aus Kabul.

13. November 2008

Grüsse aus Kabul VI

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 19:22

Verfolge aus der Ferne, was ihr da so treibt in Berlin, dank der modernen Technik. Mittlerweile hat man sich so daran gewöhnt, daß man richtig sauer wird, sollte es mal nicht funktionieren. Heute habe ich Glück, trotz Regen, das Internet geht. Was kann ich anderes tun, als euch mit Bildern aus Kabul füttern.
Heute der letzte Arbeitstag hier.

Ich sehe es mit einem lächelnden und einem weinenden Auge. Natürlich sind mir viele der Studenten ans Herz gewachsen. Abschiednehmen ist immer schwer, besonders da ich nicht weiß, wie sich die Lage in Kabul weiterhin entwickeln wird.

Anderseits bin ich unglaublich froh endlich Hanayo wieder sehen zu können. Nichts wie weg hier. Es gibt so viele arme, bettelnde Kinder und natürlich habe ich inzwischen gelernt, wie sich zu verhalten ist. Aber die Gedanken an Hanayo gehen mir nicht aus dem Kopf. Wie froh kann ich sein, sie in Sicherheit zu wissen. Die Deutschlehrer erzählen mir ein Schuljahr dauert bestenfalls 6 Monate, die Lehrer sind vollkommen unterbezahlt und dementsprechend motiviert. Am Ende stehe ich in der Hochschule und muß feststellen, selbst einfachste Kenntnisse aus Physik und Chemie fehlen. Viele jedoch können nicht einmal lesen oder schreiben. Gestern sitze ich mit meinem Übersetzer zum Mittagessen im Restaurant und es ist vollkommen klar, wir beide gehören unserer sozialen Stellung nach nicht in diesen Laden. Dazu gehört auch, daß wir beide lesen können. Ein Mann steht auf, mit einem Zettel in der Hand und bittet den Übersetzer ihn das Papier, ein Lieferschein, vorzulesen. Der Mann ist Kraftfahrer und wollte noch mal genau hören wo er hinfahren soll. Er ist sehr freundlich und in Sorge, ob er auch alles perfekt macht. Jeder hier kämpft um das Überleben, denn vor allem geht es darum.

Die Tage hier sind anstrengend, das Militär, die Kontrollen, der Dreck, der Gestank, die Armut, am Abend bin ich so fertig, daß ich keinen klaren Gedanken mehr finde. 3,5 Stunden beträgt der Zeitunterschied. Wenn ich in Kabul Feierabend habe läuft in Deutschland auf  ARD und ZDF das Nachmittagsprogramm. Grauenerregend, aber es ist das was in meinen Kopf noch reinpaßt. Ich sollte trotzdem mal in die andere Richtung fliegen, dorthin wo das Nachtprogramm am Nachmittag läuft.

Heute am letzten Tag bin ich das erste Mal allein unterwegs gewesen. Es ging ganz gut, ich habe 5 Kleinbildfilme belichtet und auch wieder Porträts versucht.

 

 

 

 

12. November 2008

Theater (Grüsse aus Kabul V)

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 18:20

Draußen donnert es, erst erschrecke ich mich. Eine Bombe?  Aber dann beginn es zu regnen, alles ist sicher. Nur das Internet fällt aus. Mal sehen wann ich die Mail an dich losbekomme. Regen ist hier sehr selten, ich freue mich auf die gute Luft, die es kurzzeitig geben wird. Seit meiner Ankunft habe ich Nasenbluten, das Klima und die Luft sind nix für mich.

Heute hatte ich den letzten Tag in der Hochschule, etwas Entspannung für mich. Die Studenten sind traurig, aber ich finde mein Einsatz hier war wenig sinnvoll. Nächstes und übernächstes Jahr müßte ich den Einsatz wiederholen und auch danach immer wieder. Dazu habe ich keine Lust. Man müßte die Lehrer trainieren.

Gestern habe ich mit den Studenten das Nationaltheater besucht - ein witziger 70er Jahre Bau. Im Bürgerkrieg total zerstört und immer noch eine Ruine. Einige Studenten haben die Ruine noch nicht gesehen, alle sind beeindruckt. Es entsteht die Idee die Ausstellung nächstes Jahr dort zu machen.

Die Schüler erzählen vom Krieg, von den Taliban, unglaublich was sie alles ansehen mußten. Wie bekommt man diese Bilder wieder aus dem Kopf? Ich hatte letztes Jahr schon Schwierigkeiten wieder in Deutschland anzukommen, nach meinem ersten Kabulbesuch.

Das Internet geht wieder. Vielleicht schaffe ich es die Mail abzusetzen.
 
In Gedanken bin ganz bei euch und frage mich wie die Ausstellung wohl werden wird. Letztlich bleiben es immer nur Bilder was ich so produziere. Immer etwas Übertragenes, nicht die Wirklichkeit. Professionelle Distanz ist gut, aber werden die Bilder nicht zu kalt? Letztlich bleibe ich ein Beobachter, ein Außenstehender.
Meine Studenten, insbesondere die Frauen dürften nicht so durch die Straßen laufen wie ich das tue und fotografieren. Ich bin Ausländer und mir ist niemand böse. Vielleicht weil mir unterstellt wird, ich würde berichten und meine Berichte könnten dazu beitragen ihre Lage zu verbessern. In meinen Gesprächen bemerke ich einen naiven Glauben an die Stärke des Westens. Engländer und Amerikaner stehen nicht mehr so hoch im Kurs, aber die Deutschen sind ja Arier, so wie die Leute hier und die Arier würden immer siegen. Also, so nun wollte ich auch wieder nicht geliebt werden. Ich hatte ein Gespräch mit einem Hellseher und wollte mir fast schon meine Zukunft vorhersagen lassen, als er mit diesem Kram anfing.
 
Ohne Einblicke in die Zukunft, aber voller Hoffnung auf die Ausstellung,
liebe Grüße,
Andreas

 Im Theater ist jetzt notdürftig eine Schule untergebracht.

 Träume werden vor dem Theater gelebt.

 Und noch einige Porträts.

 

 

 

Jetzt tauche ich auch mal ab.

10. November 2008

Grüsse aus Kabul IV

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 17:59

Lieber Christian,

zur Veröffentlichung meiner Emails auf unserem Weblog: so viel Meinungsfreiheit muß schon sein, daß sie mich als Bedenkenträger aushält, besonders in einem Land, in dem die freie Äußerung nicht sehr geschätzt wird. Ich habe die Mails noch mal durchgesehen und nicht wirklich schlimmes gefunden. Das die Lage nicht gut ist weiß jeder hier und wenn unsere Regierung das nicht mag, davon bessert sich auch nichts. Immerhin sind hier etliche Menschen damit beschäftigt irgendwas zu stemmen. Die Polizisten in meinem Hotel machen Ausbildung - wie bitter nötig das ist, erlebe ich jeden Tag. Der Job ist nicht ungefährlich, wie man sich denken kann. Aber die Männer scheinen Idealisten zu sein, Bullen aus Leidenschaft. Reden den ganzen Tag von nichts anderen, so wie ich, wenn es um Fotografie geht. Falls sich etwas bessern sollte in Afghanistan, wird man sich deutlich länger als 10 Jahre engagieren müssen. Das sollte jeden Entscheidungsträger klar werden.

Nicht anders ist das in meiner so sehr geliebten Hochschule. Gestern habe ich mit den Studenten Freilichtporträts versucht. Wir haben 8 Kameras aufgetrieben und die Studenten in dreier Gruppen eingeteilt, dann bin ich im Dauerlauf von Gruppe zu Gruppe gerannt und habe gesagt, da ist Sonne und dort mußt du Mensch hinstellen. Heute haben wir die Ergebnisse diskutiert und die waren erstaunlich gut. Nur das Labor hat versagt. Jeder Film hat Entwicklerstreifen. Ärgerlich für die Studis.

Von 9 - 12 Uhr unterrichte ich an der Hochschule und von 14 - 17 Uhr unterrichte ich im Goetheinstitut. Dazwischen liegen ewige Touren durch den kabuler Stau. Ab und an verlasse ich das Auto, um zu fotografieren. Leider hat der Fahrer von 13 - 14 Uhr Pause und darin ist er sehr deutsch. Unter diesen Bedingungen entstehen die Bilder, die ich dir zusende. In den letzten Tagen habe ich mir meinen Übersetzer genommen, ihm ein Mittagessen spendiert und wir sind gelaufen. Sicherheitstechnisch bestimmt eine Katastrophe, aber ich erkundige mich vorher über das Gebiet und gehe nie zweimal den gleichen Weg.

Übrigens, Mittagessen in den Restaurants der Einheimischen ist auch lebensgefährlich. Selbst der Übersetzer hat schon auf die Strasse gekotzt. Ich esse bestenfalls eine Suppe und bin damit gut gefahren, bis jetzt.
Ich habe kein Gefühl was für Bilder ich produziere, unter diesen Bedingungen. Klar ist: ich bin mit meinem Job Teilnehmer des Bilderkriegs, der hier gerade abläuft. Es geht um Bilder, nur um Bilder. Die einen müssen Bilder produzieren, die ihr Erscheinen in Afghanistan gut aussehen lassen. Immerhin muß die Mission vor dem Parlament usw. gerechtfertigt werden. Die Lust, Soldaten hierher zu schicken, läst ständig nach. Die anderen müssen möglichst grauenvolle Bilder produzieren, sie wollen erreichen, daß Regierungen und Parlamente entnervt ihre Soldaten zurückziehen. Der Kampf wird über die Medien ausgetragen und es ist erstaunlich wie geschickt die Taliban, die ja einer bilderfeindlichen Religion angehören, diese für sich nutzen. Als Künstler sollte ich mir eine Technik ausdenken, mit der ich diese beiden Bildstrategien unterlaufen könnte. Aber ich bin leider nicht klug genug, mir so aus zu tüfteln. Es bleibt mir nichts übrig, als weiter das zu versuchen, was ich immer schon tue: so ehrlich wie ich eben nur kann, von dem zu berichten, was ich erlebe. Schon das ist schwer genug. Ich versuche den Menschen einfach in die Augen zu sehen. Ich gestikuliere irgendwie und meist darf ich dann fotografieren. Oft lachen die Menschen über mich und das ist auch gut so. Manchmal bitte ich hinterher auch den Übersetzer mir zu helfen, wenn ich erklären soll, wofür ich das tue.

 

 

9. November 2008

Grüsse aus Kabul III

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 21:09

Heute stand ich echt an der Grenze meiner Erfahrungen. Ein Student, meines eh nicht so geliebten Kurses an der Kunstschule, schaute im Unterricht Pornos auf seinem Telephon. So was hab ich ja noch nie gehabt.
Wahrscheinlich wollte er nur provozieren, Pech für ihn, er ist trotzdem rausgeflogen.

Soviel zum Spaß, den man hier haben kann, zwischen all den Waffen.

6. November 2008

Grüsse aus Kabul II

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 19:12

Das, was ich hier erlebe, würde ich mir nicht trauen Hochschule zu nennen. Stehe mit Hut und Mantel vor der Klasse und friere trotzdem. Die Schüler versuchen mir vorzuschreiben was ich unterrichten soll und die Lehrer verlassen meinen Unterricht, weil er ihnen klar macht , daß sie gar nichts können. Aber ich arbeite ja für höhere Mächte im sozusagen diplomatischen Dienst und muß mich dementsprechend verhalten. Inzwischen habe ich erfahren, daß der Nc hier so gehandhabt wird: die Klugen studieren Medizin, die Dummen werden in die Landwirtschaft geschickt oder auf das Feld der Kunst.

Nach dem Unterricht lag ich tatsächlich einen Tag krank im Bett, auch beste deutsche Chemie konnte meine Körperinhalte nicht beruhigen, dazu Stromausfall (kalt und kein Internet).  Heute ein Rapkonzert, es traf sich die Boheme von Kabul. Sehr hübsch aber zumindest bei den Frauen, frage ich mich, und dafür riskiert ihr euer Leben?

Mit feinen Nuancen wird hier leider nicht gearbeitet, werde wohl Wochen brauchen um mich wieder in Deutschland einzuleben. Da ist übrigens eine Professur ausgeschrieben auf die ich mich bewerben sollte.
Ich versende mit Freude einige burkafreie Fotos.

 

 

 

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wird gefördert durch die Stiftung Pfefferwerk und freundlich unterstützt durch das foto image factory gmbh