Ankunft bei Aufbruch

Sebastian Hesse | Christian Reister | Andreas Rost | Katrin Ströbel

10. November 2008

Grüsse aus Kabul IV

Abgelegt unter: Grüße aus Kabul — Andreas Rost @ 17:59

Lieber Christian,

zur Veröffentlichung meiner Emails auf unserem Weblog: so viel Meinungsfreiheit muß schon sein, daß sie mich als Bedenkenträger aushält, besonders in einem Land, in dem die freie Äußerung nicht sehr geschätzt wird. Ich habe die Mails noch mal durchgesehen und nicht wirklich schlimmes gefunden. Das die Lage nicht gut ist weiß jeder hier und wenn unsere Regierung das nicht mag, davon bessert sich auch nichts. Immerhin sind hier etliche Menschen damit beschäftigt irgendwas zu stemmen. Die Polizisten in meinem Hotel machen Ausbildung - wie bitter nötig das ist, erlebe ich jeden Tag. Der Job ist nicht ungefährlich, wie man sich denken kann. Aber die Männer scheinen Idealisten zu sein, Bullen aus Leidenschaft. Reden den ganzen Tag von nichts anderen, so wie ich, wenn es um Fotografie geht. Falls sich etwas bessern sollte in Afghanistan, wird man sich deutlich länger als 10 Jahre engagieren müssen. Das sollte jeden Entscheidungsträger klar werden.

Nicht anders ist das in meiner so sehr geliebten Hochschule. Gestern habe ich mit den Studenten Freilichtporträts versucht. Wir haben 8 Kameras aufgetrieben und die Studenten in dreier Gruppen eingeteilt, dann bin ich im Dauerlauf von Gruppe zu Gruppe gerannt und habe gesagt, da ist Sonne und dort mußt du Mensch hinstellen. Heute haben wir die Ergebnisse diskutiert und die waren erstaunlich gut. Nur das Labor hat versagt. Jeder Film hat Entwicklerstreifen. Ärgerlich für die Studis.

Von 9 - 12 Uhr unterrichte ich an der Hochschule und von 14 - 17 Uhr unterrichte ich im Goetheinstitut. Dazwischen liegen ewige Touren durch den kabuler Stau. Ab und an verlasse ich das Auto, um zu fotografieren. Leider hat der Fahrer von 13 - 14 Uhr Pause und darin ist er sehr deutsch. Unter diesen Bedingungen entstehen die Bilder, die ich dir zusende. In den letzten Tagen habe ich mir meinen Übersetzer genommen, ihm ein Mittagessen spendiert und wir sind gelaufen. Sicherheitstechnisch bestimmt eine Katastrophe, aber ich erkundige mich vorher über das Gebiet und gehe nie zweimal den gleichen Weg.

Übrigens, Mittagessen in den Restaurants der Einheimischen ist auch lebensgefährlich. Selbst der Übersetzer hat schon auf die Strasse gekotzt. Ich esse bestenfalls eine Suppe und bin damit gut gefahren, bis jetzt.
Ich habe kein Gefühl was für Bilder ich produziere, unter diesen Bedingungen. Klar ist: ich bin mit meinem Job Teilnehmer des Bilderkriegs, der hier gerade abläuft. Es geht um Bilder, nur um Bilder. Die einen müssen Bilder produzieren, die ihr Erscheinen in Afghanistan gut aussehen lassen. Immerhin muß die Mission vor dem Parlament usw. gerechtfertigt werden. Die Lust, Soldaten hierher zu schicken, läst ständig nach. Die anderen müssen möglichst grauenvolle Bilder produzieren, sie wollen erreichen, daß Regierungen und Parlamente entnervt ihre Soldaten zurückziehen. Der Kampf wird über die Medien ausgetragen und es ist erstaunlich wie geschickt die Taliban, die ja einer bilderfeindlichen Religion angehören, diese für sich nutzen. Als Künstler sollte ich mir eine Technik ausdenken, mit der ich diese beiden Bildstrategien unterlaufen könnte. Aber ich bin leider nicht klug genug, mir so aus zu tüfteln. Es bleibt mir nichts übrig, als weiter das zu versuchen, was ich immer schon tue: so ehrlich wie ich eben nur kann, von dem zu berichten, was ich erlebe. Schon das ist schwer genug. Ich versuche den Menschen einfach in die Augen zu sehen. Ich gestikuliere irgendwie und meist darf ich dann fotografieren. Oft lachen die Menschen über mich und das ist auch gut so. Manchmal bitte ich hinterher auch den Übersetzer mir zu helfen, wenn ich erklären soll, wofür ich das tue.

 

 

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